Zu Tag 6 – hatte ich vergessen zu schreiben

Mir ist noch etwas eingefallen, das ich in meinem Bericht zu Tag 6 der Chemotherapie vergessen habe.

Früh morgens, gegen halb fünf, ist etwas passiert, das ich so in meinem Leben noch nie erlebt habe.

Mir ist bewusst, dass unser Zeitgefühl direkt nach dem Aufwachen völlig unzuverlässig sein kann. Eine Zehntelsekunde kann sich wie mehrere Sekunden oder sogar Minuten anfühlen. Deshalb kann ich nicht sagen, wie lange dieser Zustand tatsächlich gedauert hat. Gefühlt war es jedenfalls deutlich länger als nur ein kurzer Augenblick.

Ich schaute auf die Wanduhr. Mehrmals. So wie ich es aus Gewohnheit immer mache. Natürlich wusste ich ganz genau, dass dort eine Uhr hing. Ich erkannte die Zahlen, die Zeiger und das Ziffernblatt. Aber mein Gehirn konnte daraus keine Uhr mehr machen. Die Uhr wirkte plötzlich nicht einmal mehr richtig rund. Zeiger, Ziffern und Ziffernblatt verschmolzen nicht mehr zu dem einen Gegenstand, den mein Gehirn normalerweise sofort als Uhr erkennt und dessen Uhrzeit ich automatisch ablese. Total verbeultes Konstrukt, was da an der Wand hing.

Ich wusste, dass es eine Uhr ist. Ich weiß ja auch, dass ich das Werkzeug zum Zeitmessen dort irgendwann einmal aufgehängt hatte. Ich verstand ihren Zweck in diesem Moment einfach nicht. Ich erkannte nicht, was ich da sah, und ich konnte mit dem, was ich sah, nichts anfangen. Total bescheuert im Nachhinein. Es war, als hätte mein Gehirn die Verbindung zwischen den einzelnen Informationen verloren, also so etwas wie ein abgefackelter Switch zwischen Logik, Visuellem, Mathematik und Erinnerung. Original! Ich habe geglotzt wie ein Schwein ins Uhrwerk!

Das Verrückte war: Ich habe den Fehler selbst bemerkt. Ich wusste, dass etwas überhaupt nicht stimmt. Deshalb schaute ich immer wieder auf die Uhr und versuchte bewusst zu verstehen, was ich da eigentlich sehe. Irgendwann „klickte“ es wieder. Plötzlich war alles wie immer. Die Uhr war wieder eine Uhr und ich konnte die Zeit ganz normal ablesen.

Ich kann nicht sagen, ob das eine Nebenwirkung der Chemotherapie, die extreme Erschöpfung oder etwas völlig anderes war. Aber dieser Moment hat mich ziemlich beeindruckt. Mein Gehirn hat da für kurze Zeit etwas veranstaltet, das ich vorher noch nie erlebt habe. Ich bin mir bewusst, dass das menschliche Gehirn einen fest eingebauten, natürlichen „Verarschungsfaktor“ besitzt – den ich selbst meistens mit berücksichtige. Die meisten anderen Menschen nicht. Mit dieser Abweichung habe aber auch ich nicht gerechnet. Ich habe jetzt hier den Text geschrieben. Ich lasse ihn jetzt von ChatGPT in der Rechtschreibung überarbeiten, aber nicht textlich. Und dann hetze ich ihn ins Netz und der soll mal nach einer medizinischen Erklärung suchen.

Falls jemand von euch während einer Chemotherapie oder einer anderen schweren Erkrankung schon einmal etwas Ähnliches erlebt hat, würde mich das interessieren. Solche Erfahrungen stehen schließlich in keinem Beipackzettel.

ChatGPT auf die Suche geschickt

Hallo liebe Leser auf Ralfis Blog. Ich bin Chatty (hat Ralf so entschieden).

Ralf hat mir die Aufgabe gegeben, im Netz nach einer medizinischen Erklärung für sein Erlebnis zu suchen. Natürlich kann ich keine Diagnose stellen, aber ich habe einige interessante Informationen gefunden.

Das, was Ralf beschreibt, erinnert oberflächlich an eine sogenannte visuelle Agnosie oder genauer an eine Störung der visuellen Informationsverarbeitung. Dabei können Menschen ein Objekt ganz normal sehen, erkennen einzelne Bestandteile wie Formen, Farben oder Linien, das Gehirn schafft es aber vorübergehend nicht, diese Informationen zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzufügen. Das bedeutet: Man weiß, dass man etwas Bekanntes vor sich hat, kann dessen Bedeutung oder Funktion aber für kurze Zeit nicht richtig einordnen.

Vermutlich ist bei Ralf Folgendes passiert:

Wenn wir unsere Augen öffnen, entsteht im Gehirn nicht sofort das Bild einer Uhr. Tatsächlich „sieht“ das Gehirn zunächst überhaupt keine Gegenstände. Die Netzhaut der Augen liefert lediglich Millionen einzelner Helligkeits- und Farbpunkte. Diese elektrischen Signale werden über den Sehnerv an die Sehrinde im Hinterkopf weitergeleitet.

Dort beginnt die eigentliche Arbeit. In den ersten Verarbeitungsschritten erkennen Nervenzellen ausschließlich einfache Strukturen: Helligkeitsunterschiede, Kanten, Linien, Rundungen, Winkel, Bewegungen und Farben. Jede dieser Informationen wird zunächst unabhängig voneinander verarbeitet. Zu diesem Zeitpunkt existiert im Gehirn weder eine Uhr noch ein Ziffernblatt – lediglich eine riesige Menge einzelner visueller Merkmale.

Im nächsten Schritt werden diese Merkmale miteinander verknüpft. Linien werden zu Kreisen, Kreise zu Objekten, Zahlen werden erkannt und von anderen Symbolen unterschieden. Gleichzeitig berechnet das Gehirn räumliche Beziehungen: Wo befindet sich der Zeiger? Zeigt er auf eine Zahl? Welche beiden Zeiger gehören überhaupt zusammen? Dieser Vorgang läuft normalerweise in wenigen Zehntelsekunden ab und geschieht vollkommen unbewusst.

Jetzt beginnt die eigentliche Höchstleistung des Gehirns. Die Informationen werden mit den Erinnerungen verglichen, die über Jahrzehnte gespeichert wurden. Innerhalb von Millisekunden sucht das Gehirn nach einem passenden Muster. Es findet den Eintrag „analoge Uhr“. Gleichzeitig werden weitere Wissensbereiche aktiviert: Eine Uhr misst Zeit. Es gibt einen Stundenzeiger und einen Minutenzeiger. Die Stellung beider Zeiger lässt sich mathematisch in eine Uhrzeit umrechnen. Erst wenn all diese Verarbeitungsschritte abgeschlossen sind, entsteht das bewusste Gefühl: „Ich sehe eine Uhr und weiß, wie spät es ist.“

Bemerkenswert ist dabei, dass diese Verarbeitung nicht in einem einzigen Hirnzentrum stattfindet. Daran sind zahlreiche spezialisierte Bereiche beteiligt, die gleichzeitig Informationen austauschen. Manche Regionen analysieren Formen, andere erkennen Zahlen, wieder andere vergleichen das Gesehene mit Erinnerungen oder berechnen räumliche Beziehungen. Neurowissenschaftler sprechen deshalb nicht von einem einzelnen „Erkennungszentrum“, sondern von einem hochkomplexen Netzwerk, das innerhalb weniger Hundert Millisekunden zusammenarbeitet.

Im Alltag bemerken wir von dieser enormen Rechenleistung nichts. Unser Gehirn präsentiert uns nur das fertige Ergebnis. Erst wenn einer dieser Verarbeitungsschritte vorübergehend nicht reibungslos funktioniert, wird einem bewusst, wie viele Milliarden Nervenzellen normalerweise zusammenarbeiten müssen, damit wir eine scheinbar banale Aussage treffen können: „Das ist eine Uhr.“

Sag ick doch. Verarschungsfaktor!

2 Kommentare zu „Zu Tag 6 – hatte ich vergessen zu schreiben“
  1. Also ick will Dir nich verarschen,aber spontan viel mir ein Begriff ein : Fehler in der „Matrix“ – – – Naa Jaa ick weeß,jetz denkste, die da Draußen vertragen die Hitze ooch imm schlechter …..
    Nüscht für unjut!

    Weiter Jute Besserung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert