Es ist morgens 05:15 Uhr und ich bin wieder wach. Die Nacht lief sehr gut. Keine außergewöhnlichen Vorkommnisse. Mein Klassenkamerad ist wieder bei mir auf dem Zimmer und ich bin froh, dass ich ihm momentan noch nicht allzu viel zumuten musste. Ich sitze mit meinem Laptop vor der Klinik und habe die alten Alben von Roland Kaiser im Ohr – nicht diesen modernen Kram. Nee. Den echten Roland.
Auf dem Zimmer ist gute Stimmung. Wir labern viel Müll, verarschen die Schwester (nicht unter der Gürtellinie!, nur’n paar blöde Sprüche) – ganz so, wie es sich für amtliche Krebskranke geziemt! Wir beide verschmähen das Mittagessen und überhaupt das Essen – wobei ich es mir alles rankarren lasse, um ein kleines Video dazu zu machen. Weil der Krankenkasse wird dieser Fraß auf jeden Fall in Rechnung gestellt – ob ich es esse oder die Klinik das in den Müll wirft, spielt keine Rolle. Hier wird viel Geld verbrannt – denn: „Du kannst diesen Müll nicht essen!“ Ich habe ’nen Rentnertrolli vollgepackt mit Essen, Keksen, Getränken, 5-Minuten-Terrinen und, und, und. Und mein Kumpel hat auch alles Mögliche zum Mampfen bei. Man muss sich zu helfen wissen.
Kommen wir mal auf die Chemotherapie zurück.
Meine aktuelle Medikation sieht folgendermaßen aus: Im Rahmen meines dritten FLOT-Zyklus erhalte ich eine Kombination aus Chemotherapie und Immuntherapie. Zum eigentlichen Behandlungsplan gehören Durvalumab, Docetaxel, Oxaliplatin, Leukovorin und 5-Fluorouracil (5-FU). Begleitend bekomme ich verschiedene Medikamente gegen Übelkeit und zur besseren Verträglichkeit der Therapie, darunter Granisetron (Kevatril) und Dexamethason (Fortecortin).
Vor der Gabe von Docetaxel werden zusätzlich Clemastin (Tavegil) und Cimetidin verabreicht, um das Risiko von Überempfindlichkeitsreaktionen zu reduzieren. Nach der Chemotherapie erhalte ich außerdem Pegfilgrastim, das die Bildung weißer Blutkörperchen unterstützt und so das Infektionsrisiko senken soll. Bei Bedarf stehen mir zusätzlich Medikamente gegen Übelkeit wie Vomex, MCP und Ondansetron zur Verfügung. Insgesamt ist das ein umfangreicher Therapieplan, der nicht nur den Krebs bekämpfen, sondern auch die Nebenwirkungen der Behandlung möglichst gut abfedern soll.
Hier mal mein neuer Plan:

Die Ärzte haben meinen Therapieplan diesmal leicht angepasst. Das Oxaliplatin bekomme ich erst nach der 24-stündigen 5-FU-Infusion. Im Moment geht es mir überraschend gut. Bereits 1.006 ml der Infusion sind in meinen Körper gelaufen, weitere 620 ml werden in den nächsten rund 13 Stunden folgen. Im Augenblick genieße ich dieses kleine Zeitfenster, in dem ich mich noch recht wohl fühle. Doch ich weiß auch, was danach kommt: Sobald das Oxaliplatin angeschlossen wird, wird sich wahrscheinlich wieder die Angst ausbreiten. – Gerade läuft der Titel von Roland an: Ich glaub es geht schon wieder los… – na wenn das kein Zeichen ist.
Nach den Erfahrungen des vergangenen Zyklus weiß ich leider nur zu gut, welche Nebenwirkungen auf mich warten können. Trotzdem versuche ich, jeden einzelnen Schritt zu nehmen, wie er kommt – einen nach dem anderen.
Mir ist gar nicht gut, wenn ich daran denke.

Meine Famile
Ich lenke mich aber ab. In den letzten Tagen und Stunden denke ich sehr viel an meine Familie, an meine Eltern, an meine Geschwister und alle Erlebnisse, die ich so mit diesen Menschen hatte. Selbstverständlich krame ich in meinem Gedächtnis nach den schönen Erlebnissen. Kein Ärger, kein Stress, keine Verletzungen – nur die Dinge, die schön waren. Das ist gar nicht mal so wenig.
Da sind wirklich viele Dinge, über die ich heute lachen und schmunzeln kann. Ich habe natürlich auch so meine Differenzen mit meinen Geschwistern überwunden – aber heute bin ich froh über meine fünf Geschwister. Mit allen hatte ich Probleme. Mit allen hatte ich unendlich schöne Erlebnisse. Und seit ganz real die endlose Dunkelheit hinter mir her ist, versucht, nach mir zu greifen, erkenne ich umso mehr, wie sehr ich alle meine Geschwister liebe. Auch alle Zwerge, die durch meine Geschwister das Licht der Welt erblickten.
Alles tolle Menschen und jeder für sich natürlich seine eigene ausgeprägte Macke, sein persönliches „Rad ab“ – ja. Ich denke viel an meine Familie und das finde ich echt gut.
Das gibt mir viel Kraft.
So jetzt muss ich aber rein. Mir wird arschkalt hier draussen.