Guten Morgen, meine Lieben.
Ich bin gestern wieder im Krankenhaus angekommen und bin nun in der 2. Runde meiner Chemo. Ich kann jetzt schon sagen: Trotz aller eurer gedrückten Daumen, trotz all eures Mutes, trotz aller Hoffnungen und aller Wünsche, die mir übermittelt wurden, läuft hier nichts nach Plan.
Die 2. Chemorunde ist bei mir derartig aus dem Ruder gelaufen, dass ich mir ernsthaft die Frage stellen muss: Was ist das für eine Prüfung, der der da oben mich unterziehen will? Und worauf, in Gottes Namen, will der mich vorbereiten?
Zufälle im Leben haben auch Krebskranke
Einmal ist mir hier bei der Aufnahme am 03.07.2026 so gegen 10:00 Uhr morgens ein Zufall passiert, der so auch nicht oft vorkommt, denke ich.
Ich schlug hier im Krankenhaus am Patiententresen auf und man wies mir meine Zelle und in dieser meine Kemenate zu. Es war schon ein anderer Patient im Zimmer. Ich sagte: „Guten Tag. Warum?“
Er guckte mich an und wunderte sich. Er fragte: „Hä?“
Ich sagte: „Naja. Du hast ein T-Shirt an, auf dem steht: ‚Bevor du fragst. Nein!‘ Also frage ich: Warum nicht?“
Wir haben uns nur angelächelt.
Dann wurde ich zur Aufnahmeschwester gerufen und für die 2. Chemo vorbereitet. Als ich von der Aufnahme zurückkam, sagte die Schwester am Tresen zu mir, dass ich mir mal meinen Zimmernachbarn anschauen soll und dann wieder zurückkommen und Bericht erstatten soll.
Ich fragte mich, ob ich einen Promi auf dem Zimmer habe. Also ging ich rein und schaute mir den Gast an. Nach ein paar Sekunden haben wir beide uns angeschaut und gesagt: „Nee, oder!?“
Ich liege hier auf dem Zimmer mit einem ehemaligen Klassenkameraden aus meiner Schulzeit und nicht irgend ein Schüler aus der Schule. Ein echter Klassenkamerad – man kennt sich also sehr gut. Wir sind vor 30 Jahren aus der Schule entlassen worden und haben uns 2017 das letzte Mal auf einem Klassentreffen gesehen.
Er hat Magen- und Speiseröhrenkrebs und liegt hier neben mir. Genauso scheiße dran, der Kerl.
Jetzt erst mal Kurz zu den Cemomedikamenten, und gleich danach erzähle ich, was ich momentan für Probleme habe.
Die Medikamente meiner FLOT-Chemotherapie 2. Chemorunde
Bevor die eigentliche Chemotherapie beginnt, bekomme ich zunächst verschiedene Medikamente, die meinen Körper auf die Behandlung vorbereiten und Nebenwirkungen möglichst gering halten.
NaCl 0,9 % (Kochsalzlösung) dient der Flüssigkeitszufuhr. Außerdem wird die Infusionsleitung damit gespült und der Körper unterstützt.
Glukose 5 % (G5 %) ist eine Zuckerlösung, die als Trägerlösung für Oxaliplatin verwendet wird und ebenfalls zur Flüssigkeitszufuhr beiträgt.
Granisetron (Kevatril) ist ein Medikament gegen Übelkeit und Erbrechen. Es soll verhindern, dass die Chemotherapie den Brechreiz auslöst.
Dexamethason (Fortecortin) ist ein Kortisonpräparat. Es wirkt gegen Übelkeit, Entzündungen und hilft außerdem, allergische Reaktionen auf die Chemotherapie zu verhindern.
Clemastin (Tavegil) ist ein Antihistaminikum. Es wird vorbeugend gegeben, um allergische Reaktionen während der Chemotherapie zu vermeiden.
Cimetidin ist ein Magensäureblocker. Es schützt den Magen und unterstützt ebenfalls die Vorbeugung gegen mögliche allergische Reaktionen.
Die eigentliche Chemotherapie
Docetaxel verhindert die Zellteilung der Krebszellen. Dadurch können sie sich nicht weiter vermehren und sterben schließlich ab.
Oxaliplatin schädigt das Erbgut (DNA) der Krebszellen. Auch dadurch wird verhindert, dass sich der Krebs weiter ausbreitet.
Leukovorin (Folinat) ist selbst kein Chemotherapeutikum. Es verstärkt die Wirkung von 5-Fluorouracil und macht die Behandlung dadurch wirksamer.
5-Fluorouracil (5-FU) hemmt die Bildung neuer DNA und RNA. Krebszellen können sich dadurch nicht mehr teilen und sterben ab.
Nach der Chemotherapie
Pegfilgrastim regt das Knochenmark an, neue weiße Blutkörperchen zu bilden. Dadurch soll das Risiko schwerer Infektionen nach der Chemotherapie verringert werden.
Bedarfsmedikamente
Falls während der Behandlung Übelkeit auftritt, stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung.
Vomex hilft gegen Übelkeit und Erbrechen.
MCP (Metoclopramid) lindert Übelkeit und sorgt zusätzlich dafür, dass sich der Magen schneller entleert.
Ondansetron ist ein weiteres sehr wirksames Medikament gegen Übelkeit und Erbrechen.
Lasix (Furosemid) ist ein Entwässerungsmittel. Es wird eingesetzt, wenn sich zu viel Flüssigkeit im Körper ansammelt.

Ich habe starke Nebenwirkungen – und keiner weiß was los ist
Ich kann auch jetzt gar nicht die korrekten Uhrzeiten liefern. Ich gebe den zeitlichen Ablauf also mehr aus dem Gedächtnis wieder – und meine Empfindungen und die Geschehnisse natürlich auch. Bescheuert, das überhaupt auszuformulieren. Natürlich gebe ich das aus’m Grips wieder.
So gegen Mittag, um 15 Uhr, wurde dieses Tropfmonster mit den oben stehenden Medikamenten an mich angeschlossen und alle Medikamente, außer 5-FU, sind im Körper und machen da Dinge, die sie dort nicht so tun sollen. Ich versuche es einfach so gut es geht wiederzugeben.
Man kann sagen, dass zu Beginn die Tropfs, Medikamentenflaschen und Beutel ziemlich regelmäßig gewechselt werden. Nach zehn Minuten hängen sie das dran, nach fünf Minuten noch das und dann nach dreißig Minuten das. Jedes Mal werden Name und Geburtsdatum abgefragt und andauernd kommt die Schwester mal mit einem transparenten Beutel und mal mit dem gelben Beutel.
Nach der ersten Stunde am Tropf – ich weiß nicht mal, welches Medikament es war, aber ich glaube, Oxaliplatin macht mir solche Probleme – begann ein ganz schöner Ritt für mich.
Ich sagte der Schwester irgendwann bei einem erneuten Wechsel des Tropfs, dass ich Schmerzen im Oberkörper habe. Die Schwester rief dann die Ärztin hinzu und wir sprachen darüber. Ich sollte die Schmerzen beschreiben, und tat dies.
Hier muss ich sagen, dass es sehr schwer ist, Schmerzen vernünftig verbal wiederzugeben. Ich sagte, dass ich starke, stechende Schmerzen im Bauch, in der Brust, im Rücken und in den Seiten habe. Diese Schmerzen befanden sich so tief im Inneren des Körpers, dass selbst das Festhalten mit der Hand, wie man es so instinktiv macht, nichts gebracht hat. Es verschaffte mir also keine Linderung, wenn ich irgendwo die Hand aufgelegt habe.
Und dieser Schmerz wanderte so im Oberkörper. So ein heftiges, dunkles, starkes Stechen, das einem das Atmen sehr schwer macht.
Ich versuchte, der Ärztin das irgendwie klarzumachen, aber die hat das nicht wirklich für voll genommen. Die dachte wohl, ich hab ’ne Macke.
Wir haben uns darauf geeinigt, dass dies eine beobachtungswürdige Reaktion meines Körpers ist und ich mich dann immer wieder melden solle, wenn es Probleme gibt. Es wurde dann schlussendlich einfach weiterverfahren. Alle Medikamente waren durchgelaufen und es wurde die 24-Stunden-5-FU-Infusion drangehängt. Die lief dann auch so eine gute Stunde oder zwei Stunden und dann ging es richtig ab im Bett.
Plötzlich und wie aus dem Nichts bekam ich solche fiesen, wie oben schon beschriebenen, starken Eingeweideschmerzen – so nenne ich das mal. Ich habe mich plötzlich im Bett zusammengekrampft, in die Fötusstellung, habe keine Luft mehr bekommen, konnte nichts tun, nicht sprechen, nicht meinen Notknopf erreichen. Ich war völlig hilflos.
Nur mein Klassenkamerad hat mich mit aufgerissenen Augen, tränenüberströmt und mit zusammengebissenen Zähnen zusammenkrampfen sehen und hat dann reagiert.
Es ging gar nichts mehr. Ich dachte, ich spinne. Das waren die heftigsten Schmerzen, die ich je hatte.
Mein Kumpel hatte ja den Knopf gedrückt und es sind bestimmt fünf bis zehn Minuten vergangen, bevor sich etwas tat. Er hat hier schon Panik geschoben, warum hier keiner kommt.
Als dann die Schwester kam, hatte ich mich schon gut gefangen. Es hatte sich also schon ein wenig gebessert. Aber ich habe der Schwester berichtet und mein Kumpel hat das bestätigt.
Die Schwester pausierte die Infusion. Es kam wieder eine Ärztin und es wurden Blutdruck gemessen, Temperatur gemessen und was weiß ich alles. Auch hier habe ich wieder berichtet und es wurde überlegt, was das sein kann. Es wurde ein Anamnesegespräch geführt und versucht, dem Ganzen auf den Grund zu gehen.
Wir verblieben dabei, dass ich den Notknopf drücken soll, wenn wieder etwas ist.
Und jetzt kommt es ja. Dieses schmerzhafte Zusammenkrampfen meines Körpers hat sich jetzt in regelmäßigen Abständen zwischen einer und drei Stunden wiederholt. So wiederholt, dass ich mich alleine nicht bemerkbar machen konnte. Ohne einen zweiten Mann auf dem Zimmer hätte ich keine Hilfe rufen können.
So viel zum Einbettzimmer. Kannste vergessen! Ohne meinen Kumpel hätte ich mich viel länger als nötig gequält.
Mit jedem Mal, bei dem mein Kumpel den roten Knopf gedrückt hatte, rückte die Schwester schneller an. Und beim dritten oder vierten Mal oder so – meine Schmerzattacke störte mich bei GZSZ, das vergesse ich auch nicht – stand die Schwester innerhalb von zehn Sekunden im Zimmer und hat es live gesehen.
Ich lag wieder in meiner Kindchenstellung, krampfte, heulte, konnte nicht sagen, was ich habe, zeigte es aber ungewollt.
Dann sind plötzlich alle nur noch gerannt. Ein EKG wurde herangeschafft und das Programm ging los. Der Arzt kam dazu. Die Infusion wurde wieder unterbrochen und es wurde mit mir besprochen, dass noch einmal abgewartet wird. Wenn das noch einmal passiert, wird die gesamte Chemorunde abgebrochen. So viel man halt abbrechen kann.
5-FU ist insgesamt so drei oder vier Stunden gelaufen. Ich bekomme also nicht die geplante Dosis. Ich spoilere schon.
Und was soll ich sagen? Irgendwann in der Nacht flüsterte ich zu meinem Kumpel: „Drück mal. Drück.“ Und er drückte.
Die Tür flog auf, die Schwester stand im Zimmer und kümmerte sich um mich. Ich krampfte wieder, heulte und quälte mich vor Schmerzen. Keine Ahnung, wo diese Schmerzen herkommen und wodurch sie ausgelöst werden. Aber das arbeitet sich stechend durch den Oberkörper – das ist der schiere Wahnsinn.
Es wurde dann entschieden, dass die Chemo komplett abgebrochen wird. Die Schläuche wurden entfernt und der Tropfwagen wurde mir aus den Augen genommen. Ich bekomme also nicht meine geplante Medizin und weiß jetzt auch gar nicht, wie es weitergeht.
Es ist Wochenende und hier läuft alles auf Sparflamme. Ich kann auch nicht, wie zunächst geplant, nach Hause. Denn es ist jetzt Samstag, 08:30 Uhr. Heute Nacht, so gegen 0 Uhr, wurde der Tropf endgültig entfernt.
Und damit ist es ja nicht vorbei. Die Medikamente bleiben Tage und teils Wochen im Körper. Und ich werde noch immer bei jeder kleinen Anstrengung von Schmerzen übermannt.
Diesen Artikel hier zu schreiben … Ich wurde bereits viermal oder so unterbrochen, muss den Laptop immer wieder wegstellen, krampfe, halte es aus, weil ich gar nichts dagegen tun kann, und muss es aussitzen.
Und nun kommen die Sorgen.
Was ist das für eine Scheiße? Wie geht es mit meiner Behandlung weiter? Wird der Magen nun ohne Vorchemo entfernt? Bekomme ich eine andere Chemo? Bekomme ich ärztlichen Besuch nach dem Motto: „Keine Hoffnung mehr, Herr Kleinert.“? Was tue ich den Menschen an, die diesen Text lesen? Meiner Familie? Anderen Betroffenen?
Es gibt immer wieder kleine Augenblicke, in denen man nicht mehr will. In denen man es einfach hinter sich haben will.
Aber zum Glück gibt es so viel, was das Leben lebenswert macht. Und daran will ich mich klammern.
Ich habe keine Ahnung, wie es jetzt weitergeht, aber ich berichte hier.
Hallo Herr Kleinert,
wie schon gesagt, wir kennen uns nicht aber ich kann ihnen gar nicht sagen wie sehr mich ihre Blog-Beiträge bewegen. Ich bin kein guter Schreiber und es fällt mir sehr schwer die richtigen Worte zu finden aber ich möchte das Sie wissen, das ich ihnen alle Kraft wünsche um diesen Sch… zu bekämpfen. Klar wird mein übliches „Köppihoch“ nicht reichen aber evtl. dazu beitragen. Ich kann gar nicht sagen wie schwer es für mich war das verstehend zu lesen und mir ist sehr klar, dass ich es nur lesen muss und Sie mussten es durchleben. Ich wünsche Ihnen alles Liebe und Gute. Gruß Sascha
Lieber Sascha. So wie es aussieht, bist du mein aktivster Follower. Ich bin sehr dankbar dafür. Ich hoffe aber, dass ich eines Tages wieder mit tollen Ideen was zurückgeben kann.
Hallo Herr Kleinert,
das bin ich, wenn es wirklich so ist, sehr gerne.
Ich weiß gar nicht warum mich ihre Situation so mitnimmt und das obwohl wir uns wie schon erwähnt gar nicht kennen. Ich mag ihre Art und auch die Art wie sie Dinge erklären und zzt. schreiben. Ich kann nur immer wieder sagen, behalten sie ihren Kopf schön oben und viel Kraft und alles was dazu gehört für alles was da noch so kommt.
Liebe Grüße Sascha
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Krebs ist Krieg und das kommt hier im Blog an!
Bleibe Optimistisch!
Danke. Ich bleibe optimistisch und arbeite daran gesund zu werden!