Guten Morgen. Es geht mir ein wenig besser

Mir geht es heute schon viel besser und wahrscheinlich kann ich heute auch noch abgeholt werden. Nur kann ich leider nicht die optimale Therapie bekommen, weil mein Körper sie nicht verträgt. Die Ärzte machen erneut eine Expertensitzung und beraten, wie sie weiter mit mir verfahren, um mir möglichst lange ein Leben mit Lebensqualität zu ermöglichen. Schauen wir mal, was dabei herauskommt. Ich kann es ohnehin nicht ändern. Also nehme ich es dankbar an.

Wer hier meinen Blog liest, könnte den Eindruck gewinnen, dass ich der Mensch auf der Welt bin, dem es ausnahmslos am schlechtesten von allen geht. Dem ist aber nicht so. Mir wurde lediglich die Fähigkeit in die Wiege gelegt, meine Probleme, mein Leben und alles, was mich umgibt, verbal, sprachlich und textlich plastisch und greifbar darzustellen. Ich habe ein hohes kommunikatives Potenzial und bin befähigt, selbst den größten und offensichtlichsten Schwachsinn allein mit Worten als die absolute Wahrheit zu verkaufen.

Aber um auf den Kern zurückzukommen: Nur weil ich hervorragend in der Lage bin, mein eigenes Leid noch viel leidvoller darzustellen als andere, geht es mir hier nicht am schlechtesten. Das ist mir wichtig klarzustellen.

Hier auf der Station sehe ich eine ganze Menge Elend. Menschliches Leid, das von den Menschen, die nicht hier sind, gar nicht gesehen wird. Nur wir, die wir hier gefangen sind, bekommen das mit. Ich bin hier aktuell der Mensch, der diese Tür für die Öffentlichkeit ein wenig offen hält. Vielen hier geht es sehr viel schlechter als mir. Hier sind ältere Menschen auf den letzten Metern ihres Lebens. Aber hier sind auch junge Menschen – sehr viel jüngere als ich – auf ihren letzten Metern.

Ich weiß mir ganz gut zu helfen. Ich kann mich quasi ausheulen. Dampf und Frust mit Worten ablassen. Dafür sorgen, dass es mir selbst etwas besser geht, indem ich mein Herz ausschütte. Aber wenn ich hier dann und wann über die Gänge laufe, sehe ich oft Augenpaare. Leere Augen. Angst in den Augen. Resignation und Verzweiflung. Aufgeben. Völlige Leere. Kein Ausweg. Keine Fluchtmöglichkeit. So viele Menschen und so viele Schicksale. So viele Freunde und Angehörige, die hier sorgenvoll kommen und wieder gehen. Viele in dem Wissen, dass die Treffen und Besuche eines Tages nicht mehr nötig sein werden, weil dann dort niemand mehr ist, den man besuchen könnte.

Hier auf meiner Station ist das Ziel die Heilung oder die Verlängerung des Lebens. Da drüben, auf der anderen Seite, ist die Palliativstation. Dort geht es darum, dass das Licht so lange wie möglich in einer angenehmen Farbe leuchtet, bevor es ausgeht. Auch dort sind junge Menschen. Sogar Kinder. Der Sensenmann macht hier keinen Unterschied. Stehst du auf der Liste, stehst du auf der Liste. Und diese Liste wird ohne Rücksicht abgearbeitet – eiskalt. Nur der Mensch mit seiner Medizin und seiner Intelligenz kann diese Liste für eine gewisse Zeit bremsen. Aber aufhalten kann er sie nicht.

Was ich eigentlich damit sagen will: Mein Gewissen quält mich. Ich jammere hier. Ich heule hier. Aber ich bin einer der wenigen, die hier wahrscheinlich noch einmal halbwegs heil herauskommen. Ohne Magen, ja. Aber lebend. Senkrecht. Ich kann mir Strategien überlegen, wie ich mein Leben möglichst erfüllt weiterleben kann. Aber jeder, der dieses Haus irgendwann waagerecht verlässt, hat diese Möglichkeit nicht mehr. Und das tut mir leid. Weil es bei den meisten einfach noch nicht die Zeit ist.

4 Kommentare zu „Guten Morgen. Es geht mir ein wenig besser“
  1. Hallo

    Vorweg: Bisher bin ich nur stiller Zuseher und Mitleser

    Ich sags mal auf die direkte Art, die ich bisher auch an dir festgestellt habe: Wir brauchen keinen Wettbewerb machen wem es am schlechtesten auf der Welt geht. Selbst wenn das objektiv feststellbar wäre, würde der Gewinner vermutlich kommunikationsunfähig sein und gar nicht berichten können. Und alle anderen sollen die Klappe halten?

    Auf dem Spektrum zwischen „Och, mir gehts heute so schlecht weil mein Saugroboter keinen Wasseranschluss hat“-Erste-Welt-Mimimis und „Mein Körper zersetzt sich gerade weil ich gerade eine rießige Strahlendosis abbekommen habe und ich in ein paar Stunden tot sein werde“ ist ein „Ich habe Magenkrebs und der Magen wird mit ziemlicher Sicherheit bald rausgenommen“ schon sehr weit fortgeschritten auf der Sch…-Skala.

    Mit anderen Worten: Du brauchst dich echt nicht gegenüber dir selbst oder gegenüber anderen rechtfertigen, nur weil es auch Dinge gibt, bei denen es anderen noch schlechter geht. Sei dankbar für die Dinge die noch funktionieren, das machst du genau richtig, aber rede dich oder deine Situation nicht selbst klein. Ich habe selbst schon familäre Krebsgeschichten intensivst miterlebt und weiß wie viel Kraft das nimmt. Das wird man dann ja wohl auch mal noch als Betroffener beschreiben dürfen. Du willst es doch auch gerade für potentielle zukünftige Betroffene beschreiben. Dass jetzt die dunkle Vorahnung, dass der zweite Zyklus oft schlimmer ist als der erste Zyklus, sich in deinem Fall leider bewahrheitet hat, gehört dann auch zur Beschreibung deines Weges.

    Ich bin jetzt leider kein Mensch der „das schaffst du schon“ oder „alles wird gut“ Worte. Keine Ahnung, woher soll ich das schon wissen, wenn sogar deine Ärzte gerade nicht richtig wissen was los ist. Hoffentlich finden die noch einen guten Weg zurück ins Leben.

    Aber: Wir sind ungefähr gleich alt und dein „ich hatte noch so viel vor“ hat mich hart getroffen. Ich bin gerade dabei mein Leben etwas umzukrempeln und habe schon mit einigen nicht-gesundheitlichen Rückschlägen zu kämpfen gehabt und weitere stehen an… und dann so eine plötzliche Diagnose… das ist echt hart.

    Jetzt weißt du von einem Menschen mehr, der heilfroh wäre, wenn du wieder im Rahmen des möglichen gesund wirst. Du gehörst zu den Menschen die die Welt jeden Tag ein kleines Stückchen besser machen. Von denen bräuchten wir noch viel mehr.

    PS: Noch was ganz anderes. Ich habe mir u.a. deine komplette Proxmox-Reihe angeschaut aber bisher keine Zeit gehabt davon was umzusetzen. Abgesehen von der Zeit stehe ich noch an der Grundsatzfrage zwischen lokal alte Hardware flott machen (da bin ich leider nicht so firm) um es einfach mal zu testen (z.B. mehrere VMs + Backup für allerlei Geräte) oder doch gleich einen (zunächst kleinsten) Server mieten um erst mal nur die Softwareseite zu meistern um später zu schauen welche Hardwareanforderungen überhaupt benötigt werden.

    Du hast zwar schon an mehreren Stellen das „wie“ der Softwareseite erklärt, aber soweit ich nichts übersehen habe noch nie das „warum“. Für was braucht man eigentlich einen Proxmox-Server und was kann man damit alles machen, was nicht vielleicht sogar ein Pi hinbekäme? Ich arbeite mich zwar so langsam in das ganze Thema mit Linux, Mail-Strategien, VMs, DNS, Backup-Strategien (Lokal vs. Cloud bzw. Lokal + Cloud), KI, Automatisierung usw. ein, aber je tiefer man in diesen „Homelab“-Rattenbau schaut, desto eher landet man am Ende gefühlt beim großen fünfstelligen Server-Rack mit USV und Klimatisierung und vielleicht sogar dem Saugroboter mit Wasseranschluss. Hast du eine Idee wie man da als Nicht-ITler einen gesunden Mittelweg findet?

    MfG Marko

    1. Hallo und vielen Dank für diesen aufschlussreichen Beitrag. Ich habe gerade nicht so viel Power, deshalb komme ich direkt zum technischen Kern.

      Gib kein Geld aus. Nimm deine alte Hardware und installiere darauf Proxmox – einfach zum Testen und Üben. Du wirst ganz schnell merken, wofür man das alles verwenden kann.

      Ich habe auf meinem PVE-Monster-Server, also dem 90er-Jahre-Casemod-Server, unter anderem Folgendes laufen:

      1. VM Debian mit ecoMailZ E-Mail-Archivserver
      2. VM Windows Server 2025 mit Proton VPN zum Musik von YouTube herunterladen
      3. VM Debian als Webserver mit zwei Joomla-Instanzen, einem Software Configuration Management (SCM) und einem Information Security Management System (ISMS)
      4. VM Debian mit Paperless und Papra DMS in einer VM
      5. VM Debian mit GitLab-Server zum Programmieren
      6. VM Debian mit Nextcloud-Server und privatem Kalender
      7. OPNsense-Firewall zur Absicherung des gesamten Netzwerks inklusive WireGuard
      8. Windows-11-VM
      9. Pi-hole-Werbeblocker als VM

      Diese VMs laufen alle auf diesem einen Server. Und jede einzelne davon benötige ich. Die Windows-11-VM würde auf der eigentlichen Hardware gar nicht laufen. Proxmox stellt ihr jedoch die benötigte virtuelle Hardware bereit.

      Jetzt aber das Wichtigste: Hast du deine VMs einmal unter Proxmox eingerichtet, kannst du sie auf jeden anderen PVE-Server kopieren. Selbst wenn dein eigener PVE einmal abgebrannt sein sollte.

  2. Hallo Ralf,
    ich bin durch mein Abschlussprojekt auf deine Internetseite gestoßen (es ging um die BSI-Kernel-Härtung) und war direkt Fan von deiner authentischen Art. Ich habe mir vor ein paar Monaten auch dein Proxmox-Buch über Amazon bestellt.
    Jetzt genug gelabert: Ich finde nicht, dass du zu viel jammerst und dich beschwerst. Ich finde es eher mutig und stark, dass du – so wie wir dich kennen – authentisch zeigst, wie es ist und wie es dir geht. Dafür schätze und respektiere ich dich sehr. Es braucht sehr viel Mut, sich so verletzlich und angreifbar in der Öffentlichkeit zu zeigen. Danke dir, dass du uns auch auf diese Reise mitnimmst!

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