Jetzt gerade liege ich quasi am Boden

Heute wurde ich ja den ganzen Tag untersucht, Abführmaßnahmen wurden erfolglos durchgeführt, ich habe Kontrastmittel getrunken und ich wurde insgesamt 6 mal geröntgt. Morgen früh wird mein Bauch noch 2 mal geröntgt. Macht mal so gar keinen Spaß.

Es ist jetzt 23:35, und ich hatte eigentlich versucht zu schlafen, doch plötzlich überkam es mich. Ich habe auf einmal angefangen zu weinen. So richtig bitterlich zu weinen. Was so voll durch Mark und Bein geht. Die Erkenntnis was da auf mich zukommt, ist dann doch ab und an stärker, als die psychische Resillienz die ich besitze.

Mir werden in den nächsten Wochen die Haare ausgehen. Wenn die anfangen auszufallen, dann muss ich zu meiner Friseurin und der Gedanke daran, ihr zu erklären, warum sie mir die Haare abrasieren soll, das frisst sich durch einen hindurch. Wenn ich sie nicht abrasieren lasse, fallen die mir in der Wohnung büschelweise aus, und das muss ich nicht haben.

Aber das ist ja gar nicht so das Problem. Die wachsen ja wieder. Aber die wollen mir den Magen entfernen. Rausoperieren. Der Magen kommt weg. Ich meine was mache ich denn dann? Ich habe ja gar keinen Speicher für Nahrung oder Getränke. Ich kann nie wieder richtig Grillen, an einer Party teilnehmen. Silvester feiern. Oder ne fette Weihnachtsgans essen. Essen hält Körper und Geist beisammen. 

Oder Nachtschicht machen. Tage und Nächte hinter irgendwelchen Servern rumkriechen oder einfach mal ne Nacht ein IT-Problem lösen. Da hab ich doch gar nicht die Power für. 

Und ich Koche so gerne. Noch sieht man mir an, dass ich das was ich koche auch gerne esse. Bin immer irgendwie am Mampfen. Hier n paar Chips. Da ne Tüte süße Nüsse. Ne leckeres Bier in der Sonne trinken. Zum Inder, zum Italiener, zum Spanferkel essen. Hochzeiten und Geburtstage. Das sind alles so selbstverständliche Dinge die einfach weg sind. Derer ich mich kaum mehr erfreuen darf.

Ich weiss nicht mal ob ich sowas wie Hunger oder Appetit noch fühlen kann, so ganz ohne Magen. Und dann muss ich diese Technonahrung trinken. Permanent.

Da mache ich mir Sorgen ohne Ende. So wie es bei den Diabetes Patienten jetzt schon ist, dass das Insulin knapp ist, weil irgendwelche Spinner Abnehmaspritzen wollen. Ich werde High Protein und Eiweiß Nahrung benötigen. Aber auch hier hat die Industrie schon ganze Arbeit geleistet. Eiweiß wird knapp. 

Eiweiß-Shake, Riegel, Pudding und was weiß ich alles. Eiweiß ist jetzt schon ein Problem.

Wie lebe ich in Zukunft? Überlebe ich überhaupt längere Zeit?

Ich hab so fürchterliche Angst.

Ich sitze hier im Nieselregen, auf einer Bank innerhalb des altehrwürdigen Hufeland-Klinikgelände Berlin Buch. Hier wurden wir als Kinder schon behandelt. Aber, dass ich jetzt hier sitze und über den letzen Termin nachdenke, den mir ein Arzt geben wird, das macht mich wirklich gerade fertig.

Ich bin 45 Jahre und weißgott kein Engel. Aber ein Teufel bin ich auch nicht. Das Schicksal mach keinen Unterschied. Wenn es dich will, dann nimmt es dich einfach.

Ich habe so viele Ideen und Pläne und würde jetzt nichts lieber tun als in den Quelltext vom Paperless Backup Programm einzutauchen und daraus etwas zu machen, was die Welt noch nicht gesehen hat. Mithilfe von Claude oder Codex könnte ich viel schneller und effektiver Programmieren als ich es bisher je getan habe. Ich beherrsche Object Pascal Delphi. HTML, CSS, JQuery ganz gut. Konnte immer alles umsetzen was ich brauchte. PHP und Python alles Kinderkacke. Bei mir selbst, kann ich nicht mal einfach die Magenprozedur umschreiben.

Da sind so viele schöne Hobbys. Löten und kleine Erfindungen machen. Probleme technischer Natur lösen. Physik. All das habe ich Angst zu verlieren. 

Und die Menschen die mir wichtig sind. Was machen die wenn ich die im Stich lassen muss?

Ich habe solche Kopfschmerzen gerade.

Aber der Heulkrampf, die Wein-Attacke ist weg. Das ist doch schon mal ein guter Anfang.

Ich gehe jetzt ins Bett. Gute Nacht ihr lieben.

5 Kommentare zu „Jetzt gerade liege ich quasi am Boden“
  1. Da passiert einfach soviel mit dir!
    Deine Sorgen und Probleme müssen auch deine Ärzte kennen, um eine professionelle Hilfe zu organisieren. Die benötigst du dringend in diesem ausnahme Zustand. Ich hoffe du kannst die nötige Hilfe bekommen. Bleibe optimistisch, auch wenn es schwer fällt!

  2. Hallo Herr Kleinert, ich hoffe ihre Nacht war besser als die gefühlt ewige Zeit davor und Sie sind etwas zur Ruhe gekommen. Wir kennen uns nicht und es fällt mir wirklich schwer ihre Blog-Beiträge zu kommentieren. Ich lese und verstehe sie und Sie aber ich will echt nicht überall meinen Senf dazu geben aber auf der anderen Seite möchte ich Ihnen unbedingt mitteilen, dass Sie wissen, dass auch hier ihre Follower aktiv sind und sie nicht vergessen sind. Beste Grüße und toitoitoi für alles was so ansteht. Sascha

  3. Hallo Ralf, du bist absolut keine Last. Mein Vater hat den Kampf gegen den Speiseröhrenkrebs im Stadium 4 leider verloren, und ich weiß durch seine schwere Zeit mit der Immuntherapie ganz genau, wie viel Kraft das alles kostet. Deine Situation berührt mich zutiefst. Ich möchte dich von Herzen ermutigen, weiterzukämpfen und jede Chance zu nutzen, die sich dir bietet. Kopf hoch, du wirst das schon schaffen! Bitte gib jetzt ja nicht auf. Ich wünsche dir nur das Beste und ganz viel Kraft! LG Christian

  4. Kopf hoch Ralf!! Ich weiß das ist leichter gesagt als getan. Ich habe auch gerade die Diagnose Lymphdrüsenkrebs erhalten und beginne am Donnerstag meine erste Immuntherapie, den Port habe ich schon implantiert bekommen. Ich bin allerdings schon 67 Jahre alt, habe den größten Teil meines Lebens schon hinter mir. Du bist aber noch so jung, also nicht aufgeben, ich denke die eigene Einstellung dazu beeinträchtigt auch den Prozess. Ich werde weiter bei dir mitlesen, in der tiefen Hoffnung das alles gut wird.
    Gruß Michaela

  5. Hallo Ralf, ich habe das durch, kann nachfühlen wie es dir jetzt geht und drücke dir die Daumen. Gerade höre und sehe eins deiner tollen Videos und freue mich auf die nächsten. Ich habe es geschafft und du schaffst das auch.
    Also noch einmal alle Daumen gedrückt und liebe Grüße Michael

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