Ein neuer Tag im Klinikum Berlin Buch – Leben und Angst mit Krebs

Samstag 20.06.2026 – 4:35 Uhr

Ich sitze vor dem Helios Klinikum Berlin Buch, habe meine Chemopumpe am Port hängen und genieße den kühlen, frühen Morgen. Ist ja wieder eine Bullenhitze angesagt heute. Deshalb nutze ich die Gunst der Stunde. Bin auch alleine unterwegs, alle anderen sind noch am Pennen.

Kaffee habe ich mir aus dem Automaten geholt, und das schmeckt man auch. Buäll! Ist das ne Plörre. Scheiss egal. Hauptsache n Kaffe – sagen wir im Osten, wa?



Ich habe ja schon ein paar Artikel und ein paar Videos zu meiner Krebserkrankung geschrieben und gemacht. Dort habe ich auch ein wenig über einige Ängste berichtet. Natürlich habe ich Angst vor dem, was vor mir liegt. Keiner weiß, ob ich wirklich geheilt werden kann und keiner weiß, ob der Krebs selbst nach einer Heilung nicht doch irgendwann wieder kommt, nur eben woanders im Körper. Da mir mit 45 Jahren der komplette Magen entfernt wird, um den Krebs, den man sicher feststellen konnte, tatsächlich auch gänzlich aus meinem Körper zu bekommen, kann ich persönlich nicht von einer Heilung sprechen. Ja, vom Krebs bin ich dann vielleicht geheilt. Aber andere Einschränkungen und Krankheiten werden meinem Körper dann in Zukunft zu schaffen machen.

Haben sich meine Ängste verstärkt?

Das kann ich für mich selbst nicht bestätigen. Was ich erlebt habe ist, dass die vielen Unbekannten nach einer Diagnose die größten Angstmacher sind. Man malt sich die schlimmsten Szenarien aus und liest natürlich im Internet auch schlimme Dinge. Suchmaschinen und YouTube-Suchen kramen gerne „Katastrophen-Berichte“ raus, weil hier auch ein starkes Klickverhalten besteht. Da kann ich Betroffenen nur raten, Websuchen besser zu formulieren. Nicht „Was passiert bei Magenkrebs?“ und dann alles lesen, was die Suche ausspuckt. Klar – einen Überblick sollte man sich hier vielleicht auch verschaffen, aber keinesfalls in Social Media oder einer Suchmaschine in ein Rabbit-Hole stürzen. Also dem Algorithmus nicht die Aufgabe geben, nur das krasse Zeug rauszusuchen.

Dann bitte nach „Magenkrebs Heilung Erfahrungsberichte“, „Wie kann ich gut mit Magenkrebs leben?“ oder Lungenkrebs oder Leukämie suchen. Was ich damit sagen will: Das Positive bitte immer direkt mitsuchen – sonst tut man sich hier wirklich keinen Gefallen!

In meinem ersten Blogeintrag hier auf meinem Krebsblog habe ich sehr intensiv über einige Ängste geschrieben – kürzer aber als ich es zu Hause durchlebt habe. Hier muss ich positiverweise sagen, oder hier kann ich positiverweise sagen, dass die Übermittlung der Diagnose selbst und das Gedankenkringeln gleich danach und vor dem Start einer Behandlung die schlimmste Zeit ist. Natürlich. Man denkt sofort und automatisch an die Serien und Filme, in denen die Krebspatienten immer die Angearschten sind. Im TV muss natürlich alles dramatisch sein, sonst kieckt ja keener zu. Nicht falsch verstehen. Die Diagnose ist auch dramatisch, und durch unsere Erfahrungen über Film und Fernsehen bekommt die Angst eines Patienten zunächst einen ungewollten negativen Schub. Auch das Unbekannte und diese eine Frage, die sich jeder stellt: „Wie bitte?“ und dann noch „Warum ich?“ und selbstverständlich bei mir diese Frage: „Was in Gottes Namen habe ich verbrochen, dass dieser mir 45 Jahre lang am Stück solche Lasten auf die Schultern legt?“

Diese Fragen sind bestimmt immer sehr individuell. Aber Fragen stellt sich ein jeder. Und die Frage: „Muss ich jetzt sterben?“ – alter. Die frisst sich durch dein Gehirn – das gibt es ja gar nicht. Wir haben gerade durch Berichterstattung, durch Film und Fernsehen gelernt: Wer Krebs hat, stirbt! Aber zum Glück hat sich die Medizin derartig weiterentwickelt, dass es Hoffnung gibt. Nicht jeder mit Krebs ist sofort des Todes.

Es wird sich vieles ändern bei mir und wenn du oder Sie auch betroffen sind, dann auch bei Ihnen. Nehmen Sie es an. Denken Sie nicht daran, was Sie alles verlieren. Das musste ich jetzt gerade auch in einem Mordssprint erkennen. Denken Sie daran, was Ihnen alles bleibt, wenn Sie das überleben. Ich bin weder Psychologe noch Arzt. Und ich habe zum Glück eine Diagnose, bei der es Hoffnung gibt. Ich kann mich also nicht wirklich in die Lage eines Menschen versetzen, bei dem absolut klar ist, dass es keine Rettung gibt. Hier kann ich nur raten, sich Hilfe zu holen oder Hilfe unbedingt anzunehmen, um wirklich das Positive herauszuholen.

https://www.krebshilfe.de/informieren/ueber-krebs/mit-krebs-leben/

Sollten Sie eine Diagnose haben, die wirklich schwarz ist – dann tut es mir unendlich leid. Ich habe große Ängste durchlebt, weil ich noch nicht wusste, wie schlimm es ist. Doch nach den ersten Diagnosegesprächen konnte sich meine Angst ein wenig abbauen. Den ersten Ordnungs-Gong habe ich aber bekommen, und bis dahin kann ich das mitfühlen.

Ich habe hier für mich persönlich eine recht gute Strategie entwickelt – auch das in kürzester Zeit. Ich habe meinen Nachlass, sofern wichtig, geregelt und mich auf das schlimmste Szenario vorbereitet. Bin also davon ausgegangen, dass es zu Ende mit mir geht, und habe wirklich alles geregelt. Und dieses Regeln der Angelegenheiten hat mich ein wenig abgelenkt. Was aber für mich das Beste an der Sache war: Ich hatte keine Sorgen im Kopf, als ich hier zur Therapie aufgeschlagen bin. Ich wusste, dass ich mich um alles gekümmert habe. Mein Nachlass, mein digitaler Nachlass, meine Familie, meine Tochter, Bank- und Wohnungsangelegenheiten sowie meine Firma und Kunden. Ich habe alle Stressoren beseitigt und jedem und allen Bescheid gegeben. Ich muss mir hier um nichts Gedanken machen und alles, was jetzt passiert, liegt nicht in meiner Hand.

Ich sitze hier vollkommen befreit von Stress und Druck und jeder und alles kann mich mal kreuzweise, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Jetzt ist es 5:30 Uhr und so langsam kommen die ersten Leute an mir vorbei. Das Leben beginnt und die Vögel sind am Ausrasten. Die Sonne kommt raus und ich muss reingehen, weil die Sonne auf meinen Tropf scheint. Und das Medikament ist „phototoxisch“. Ich schreibe aber sicher gleich weiter.

Ein Kommentar zu „Ein neuer Tag im Klinikum Berlin Buch – Leben und Angst mit Krebs“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert