Immernoch der neue Tag im Klinikum Berlin Buch – Leben und Hoffnung mit Krebs

20.06.2026 – 14:26

Jetzt habe ich noch gar nicht geschafft, etwas zu meinem Befinden zu schreiben. Meine Chemopumpe zeigt mir an, dass das Chemomedikament noch weitere 4 Stunden und 30 Minuten in meinen Körper geleitet wird. Es läuft also insgesamt schon gute 20 Stunden und mein Wohlbefinden, na ja, das geht so auf und ab. Immer wieder werde ich von Übelkeit, Mattheit, Müdigkeit und Unwohlsein überfallen. Mal habe ich große Probleme, mein Geschäft zu machen, und bekomme entsprechende Mittel dafür, und dann wieder bin ich am Rennen. Gestern Abend habe ich plötzlich starke Schmerzen überall bekommen, und die Hitze macht mir auch ganz schön zu schaffen.

Ich darf auch nicht in die Sonne. Einmal ist dieses Chemomedikament „phototoxisch“, wird also in der Sonne zerstört und wird giftig, und zum anderen teilen sich ja meine Zellen nicht mehr richtig. Wenn ich mir jetzt in der Sonne die Hautzellen kaputt mache oder diese nur abnutze, dann werden die nicht richtig erneuert. Oder gar nicht erneuert. Und deshalb ist es unbedingt zu vermeiden, dass ich mehr Schaden als nötig anrichte.

Stationsaufnahmen Onkologie Helios Klinikum Buch:

Krebsstation Berlin Buch 1

Also mir geht es verhältnismäßig gut, muss ich sagen, und wenn ich mich hier auf der Station so umsehe, könnte man meinen, ich bin hier der Gesündeste. Ich habe hier schon eine Menge Leid um mich herum. Das ist ein irrsinnig großes Klinikum und alle möglichen Schicksale krauchen hier herum, teilweise auf dem Zahnfleisch, teilweise waagerecht auf der Pritsche. Aber nicht nur Leid ist hier zu sehen. Unten im Foyer hängt eine Tafel, an der immer mit Kreide die neuen Erdbewohner angemeldet werden. Hier kommen so 6 – 10 kleine nagelneue Hosenscheißer zur Welt, und das hat mich vorhin echt gerührt.

Ich saß unten, hatte Langeweile am Samstag, und da hängt diese Tafel. Soweit nichts Besonderes. Aber dann kam eine kleine Familie rein. Kleiner Bengel, Mama, Papa und noch ’ne Frau, und die hatte zwei Baby-Begrüßungstüten mit Luftballons und dem ganzen Kram dabei. Da war klar, dass Zwillinge angekommen waren. Und wenn man nun diese ganze Überbevölkerung ausklammert und nur diese kleine Familie in den Fokus nimmt, wat soll ick sagen, fängste als mal so richtig kranker an zu heuln. Genau wie jetzt beim Schreiben. Kann kaum wat sehn!

Das war so schön, das zu sehen, wie die sich alle gefreut haben. Einfach schön.

Meine Zukunft? Als Krebskranker ohne Magen?  

Na ja. Und dann habe ich natürlich auch Zeit zum Nachdenken. Wie geht es mit mir weiter, wenn der Magen nach den 3 Monaten Chemo entfernt wird und dann wieder 3 Monate Chemo folgen? Werde ich den Krebs wirklich besiegen?

Fakt ist, dass ich nicht mehr in diesen Stressmodus eintauchen werde. Wenn das Schicksal so mit der Holzlatte auf dich eindrischt, dann ist es vorbei mit dem Workaholicen!

Es ist mir auch egal, ob der Staat dann für mich aufkommen muss – kann ich nicht ändern. Die Politiker hauen sich hier die Taschen voll, setzen mit Flughafen- und Bahnhofsbauten Milliarden in den Sand und betreiben Volksverhetzung gegen so ein paar unwichtige Bürgergeldempfänger. Unwichtig in Form der Kosten, die diese gegen die ganzen Fehlschüsse der Bonzen verursachen.

Zählt Ralfi halt auch zu der Gruppe. Ich werde so gut arbeiten, wie es meine Gesundheit zulässt, aber dass ich mich irgendwo bewerbe – kannste knicken, Keule!

Ich habe aber noch große Zukunftspläne – natürlich. Und um meinen Plänen ein wenig Nachdruck zu verleihen, habe ich mir gestern Abend, beim Kotzen auf’m Krankenhausklo, auf Amazon eine „DJI Osmo Pocket 3, Vlogging-Kamera mit 1-Zoll-CMOS und 4K/120 fps Video, 3-Achsen-Stabilisierung, schnelles Scharfstellen, Gesichts-/Objektverfolgung, kleine Videokamera für Fotografie“ für 306,24 € gegönnt.

Und wenn mir das Finanzamt auf’n Sack geht, sag ich: „Wer, ick? Zu teure Ausgabe? Wusste nicht, wat ick tu. Bin krank und war am Kotzen. Aus Versehen uff’n Knopp jekommen!“

Ich freue mich auf die Cam und kann es nicht erwarten, erste Videos damit zu drehen.

Meine Familie

Dennoch, es gibt auch ganz viele Tiefs, die ich durchstehe. Wenn ich an all meine Geschwister, Nichten und Neffen, Eltern, Onkel und Tanten oder Cousins und Cousinen denke, dann wird mir schon dann und wann sehr schwer ums Herz.

Ich habe in der Vergangenheit auch sehr viele Fehler gemacht, war ungerecht, habe mich daneben benommen und kann ganz sicher nicht alles wieder gut machen, was ich im Leben so verbockt habe. Wie viele andere Menschen auch habe ich schwere Fehler begangen und Scheiße am laufenden Band gebaut – und das bestimmt auch mehr als die meisten anderen Menschen.

Meine Familie weiß das auch ganz genau. Ich bin ein gnadenloser Klugscheißer und Diskutierer – aber nicht so gnadenlos und klugscheißerisch wie manch Cousin. Weißt schon, wer gemeint ist, wa?

Aber egal. Jeder aus meiner Familie hat so seinen Charakter, seine Stärken und seine Schwächen. Es gibt so Dinge, die man mir nicht verzeihen kann. Und es gibt so Dinge, die ich niemals verzeihen kann. Aber wo ist das nicht so?

Wichtig ist nur: Ich hole mir bewusst die schönen Dinge ins Gedächtnis. Und es gibt keine einzige Person in meiner Familie, bei der ich keine schönen Erlebnisse hatte. Ich habe mit jedem Einzelnen schöne Dinge erlebt. Und ausschließlich die schönen Dinge sind die Dinge, die für mich seit ein paar Wochen Bestand haben.

2 Kommentare zu „Immernoch der neue Tag im Klinikum Berlin Buch – Leben und Hoffnung mit Krebs“
  1. Hallo Herr Kleinert,
    na dann viel Erfolg beim Bloggen.
    Schade, dass Sie sich so quasi rumärgern müssen aber evtl. lenkt es ja ab.
    Beste Grüße Sascha

  2. Da funktioniert etwas nicht mit dem Blog und trotzdem wird ein Plan „B“ umgesetzt. Das ist auch ein starkes Zeichen alle Veränderungen anzunehmen und es anders zumachen. So ist es auch mit der Gesundheit, manchmal stehen gewaltige Veränderungen an. Die ersten Schritte sind gegangen. Bleibe optimistisch!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert